Archiv für die Kategorie ‘Piratenpartei’

Ideen für ein behindertenpolitisches Programm der Piraten

Freitag, 04. Dezember 2009

Alljährlich am 3. Dezember wird der von der UN ausgerufene Internationalen Tag der Menschen mit Behinderung begangen, wenn auch Menschen mit Behinderung von der schwarz-gelben Bundesregierung seit ihrem Amtsantritt systematisch ignoriert werden.  So wurde bisher noch kein neuer Bundesbeauftragter für die Belange der Menschen mit Behinderung ernannt. Da kann es möglicherweise aufgrund des Ministerwechsels im zuständigen Arbeitsministerium (von Jung zu #Zensursula) zu Verzögerungen gekommem sein, aber die Bundesregierung hielt es noch nicht einmal für nötig, einen Vertreter zur alljährlichen Veranstaltung des Deutschen Behindertenrates zu entsenden.

Ich möchte den gestrigen Tag nun mal zum Anlass nehmen, um einige Vorschläge zur Behindertenpolitik der Piratenpartei zu machen. Aus unseren Grundsätzen und Kernthemen lässt sich da durchaus einiges ableiten. Fangen wir mit den Bürgerrechten an. Da ist vor allem die Menschenwürde zu beachten. Daraus ergibt sich z.B. dass es ein Recht auf umfassende flege geben muss und nicht die heute vielfach übliche satt&sauber-Massenabfertigung.  Ein weiteres Recht ist das Recht auf Teilhabe, daraus ergibt sich z.B. die Forderung nach barrierefreiem Bauen. Dies ist zwar schon gesetzlich festgeschrieben, aber die Umsetzung ist mangelhaft, da es keine Sanktionsmöglichkeiten gibt, wenn z.B. eine Kommune die Vorschriften einfach ignoriert. Dies habe ich in Köln schon mehrfach erlebt.    Eine Lösungsmöglichkeit wäre hier ein Verbandsklagerecht, d.h. eine Behindertenorganisation könnte einen Bauträger auf Nachrüstung verklagen.

Ein weiteres Piratenthema ist Privatsphäre und Transparenz. Hier spielen vor allem Lobbyeinflüsse im Gesundheitswesen eine Rolle, aber auch Interessenkonflikte zwischen Politik und Wohlfahrtsverbänden. In dxen Vorständen dieser Verbände sitzen häufig Landes- und Kommunalpolitiker. Die Verbände sind aber die Hauptträger von Wohn- und Pflegeheimen, Werkstätten für Behinderte und Einrichtungen zur beruflichen Rehabilitation.  Das führt dann z.B. dazu, dass ein Verband trotz nicht vorhandener Nachfrage ein Heim errichtet und anschließend über die Politik Nachfrage generiert, z.B. indem die Politik Einfluss nimmt auf die Sozialämter, die dann Betroffene entsprechend “beraten”. Das kann auch schonmal zu De-Facto-Zwangseinweisungen führen.  Dies ist auch deshalb abzulehnen, weil in einem Heim nicht ausreichend Privatsphäre garantiert ist.

Laut Gesetz sollen die Werkstätten für Behinderte eigentlich auch Einrichtungen der beruflichen Rehabilitation sein und ihre Aufgabe ist es, die dort Beschäftigten zumindest für den zweiten Arbeitsmarkt fitzumachen. Tatsächlich sind sie aber eine Sackgasse. Wer einmal dort landet, bleibt auch dort. Die Träger der Werkstätten haben nämlich ein wirtschaftliches Interesse daran, diejenigen zu halten, die eigentlich leistungsfähig genug für den regulären Arbeitsmarkt wären. Daher halte ich eine grundlegende Neukonzeptionierung für erforderlich.

Und dann haben wir das Thema Bildung, in der Behindertenpolitik leider ein Dauerbrenner seit über 30 Jahren.  Deutschland ist das einzige Industrieland, in dem Kinder mit Behinderung auf gegen den Willen der Eltern ausgesondert und getrennt unterrichtet werden können. Experten und Aktivisten sind sich längst einig, dass damit Schluss sein muss. Die Politik schiebt Kostenargumente vor, in Wahrheit fürchtet man sich aber vor Eltern von Kindern ohne Behinderung, die Nachteile befürchten. Zahlreiche Schulversuche und Erfahrungen aus dem Ausland haben aber gezeigt, dass alle Kinder profitieren.  Als erster Scrritt muss es ein Wahlrecht für Eltern geben, langfristiges Ziel muss sein, die Aussonderung vollständig zu beenden.

Wer weitere Anregungen hat oder möglicherweise Interesse an der Gründung einer AG hat, kann hier gerne einen Kommentar hinterlassen.

Rechte Umtriebe in jungen Parteien

Mittwoch, 02. Dezember 2009

Seit gestern erhitzt ein Blogbeitrag von Aaron Koenig die Gemüter, indem er den Islam als “politisch totalitäre Bewegung” bezeichnet. Zwar handelt es sich um sein privates Blog, aber so etwas darf nicht passieren, wenn man Mitglied des Bundesvorstands einer aufstrebenden Partei ist. Aaron hat anscheinend wenig Ahnung vom Islam, sondern lässt sich hier von gängigen Klischees leiten.

Nun hatten wir in der Vergangenheit schon mehrere Fehler von Vorstandsmitgliedern im Umgang mit heiklen Themen. So ließ sich der 2. Bundesvorsitzende, Andreas Popp, von der Jungen Freiheit interviewen und gab hinterher an, nicht gewusst zu haben, um was für eine Postille es sich da handelt. Ich möchte dies auch nicht anzweifeln, aber es zeigt doch, dass es unter unseren Mitgliedern doch noch recht viele Nerds gibt, die sich in ihrem Leben reichlich wenig mit politischen Fragen befasst haben. Andererseits haben wir aber auch den Anspruch, gerade auch politisch Unerfahrene einzubeziehen.

Nun stehen im Januar Vorstandswahlen in NRW an, die Auswirkungen auf den beginnenden Landtagswahlkampf haben werden. Da wird man aufpassen müssen, dass nicht wieder Kandidaten gewählt werden, die unbedarft Schaden anrichten. Wir müssen uns überlegen, wie wir bei den Vorstandswahlen im Januar herausfinden, welcher Kandidat hier möglicherweise ein Risiko darstellt.

Hinzu kommt, dass wir längst noch nicht so groß sind, um die Gefahr der Unterwanderung durch Rechtsextremisten oder andere “U-Boote” zu ignorieren. Dies zeigt ein Beispiel: Im Jahr 1985 saßen die Grünen bereits im Bundestag und in mehreren Landtagen. Die Mitgliederzahl der Grünen dürfte damals schon deutlich über den 12.000 gelegen haben, die die Piraten derzeit haben. Trotzdem gelang es Mitgliedern einer rechtsextremen Organisation namens “Heidnische Glaubensgemeinschaft”, Schlüsselpositionen im Berliner Landesverband zu besetzen. Dadurch konnten sowohl der Landesvorstand, als auch das Landesschiedsgericht lahmgelegt werden. Viele Mitglieder verließen den Landesverband und schlossen sich der außerhalb der Grünen existierenden “Alternativen Liste” (AL) an. Der Bundesvorstand musste reagieren. Man löste den Landesverband komplett auf und vereinbarte mit der AL, dass diese zum neuen Landesverband wird.

Beim ACTA geht es nicht nur ums Urheberrecht

Sonntag, 29. November 2009

ich möchte mich hier mal mit einem anderen Aspekt des ACTA (Anti-Counterfeit Trade Agreement) befassen. Das ACTA umfasst wesentlich mehr als nur die Bekämpfung von Urheberrechtsverletzungen im Internet. Als Beispiel möchte ich hier mal die Auswirkungen auf die AIDS-Bekämpfung in Afrika beschreiben.

Viele Medikamente für AIDS-Kranke sind noch relativ neu und daher patentiert. Dies ermöglicht es den Herstellern, Monopolpreise zu verlangen. Solche Medikamente können sich Länder wie Südafrika, wo 20% der Bevölkerung HIV-positiv ist, nicht leisten. Eigentlich müssen die aber die Patente respektieren, da sie aufgrund des TRIPS-Abkommens dazu verpflichtet sind. Nun wurde vor einiger Zeit ein Zusatzprotokoll verabschiedet, wonach das TRIPS-Abkommen kein Land daran hindern darf, Probleme seines Gesundheitssystems zu lösen. Auf dieses Protokoll berufen sich nun afrikanische Staaten, wenn sie selbst Imitate der patentierten Medikamente herstellen oder importieren. Die Pharmalobby bekämpft dieses Protokoll bzw. dessen Umsetzung. So übten vor einigen Jahren die amerikanische sowie diverse europäische Regierungen Druck auf afrikanische Staaten aus, auf Herstellung und Import dieser Medikamente zu verzichten.

Was hat das nun mit dem ACTA zu tun?

Viele dieser Medikamente werden im Mittleren und Fernen Osten hergestellt und gelangen per Flugzeug über Europa nach Afrika. Das ACTA würde nun den Pharmakonzernen eine Möglichkeit in die Hand geben, diesen Transportweg zu unterbrechen. In einem von der EU-Kommission herausgegebenan Fact-Sheet heißt es:

Border Measures: cf. mechanisms available in EU Customs Regulations of 2003, such as es officio seizure of infringing goods at the borders, controls for imports, export and in transit goods, increased cooperation with right-holders, etc.;

Das bedeutet, in Zusammenarbeit mit der Pharmalobby kann der Zoll die Medikamente beschlagnahmen, obwohl es sich nur um Transitgüter handelt, die normalerweise unangetastet bleiben!

Allerdings eröffnet und dies auch die Möglichkeit, den Protest gegen das ACTA auf eine breitere Basis zu stellen und mehr “Offliner” darauf aufmerksam zu machen. Insbsondere Menschenrechtsinitiativen und Afrika-Unterstützer drüften sich dafür interessieren.

Der Fall Brender, die SPD und die Süddeutsche

Samstag, 28. November 2009

Wir haben es schon immer gewusst, das ZDF galt als “Schwarzfunk”, meist durch die Unionsparteien dominiert. Dies war auch in der Endphase der Ära Kohl der Fall, als die Mehrheit der Länder SPD-regiert waren. Nun will ich den direkten Vorgang hier nicht weiter kommentieren, das haben schon andere getan. Auch ich halte es nicht vereinbar mit dem Gebot der Staatsferne des Rundfunks im Grundgesetz, dass ein Ministerprädident direkten Einfluss auf journalistische Personalentscheidungen nehmen kann. Dagegen kann man aber nur mit einer Normenkontrollklage vor dem Bundesverfassungsgericht vorgehen und dafür liegen die Hürden hoch. Neben den selbst Betroffenen, dem geschassten Nikolaus Brender, sowie ZDF-Intendant Markus Schächter kann nur eine Landesregierung klagen oder ein Drittel der Bundestagsabgeordneten. Brender hat schon abgewunken, Schächter wird wohl kaum seinen eigenen Vertrag riskieren und daher auf eine Klage verzichten. Und die Landesregierungen, auch die SPD-Geführten, wollen nicht den Einfluss auf ihre ARD-Heimatsender verlieren.

Da bleibt nur der Bundestag. Aber Grüne und Linke alleine bringen ein Drittel der Abgeordneten nicht zusammen. Sie wären auf die SPD angewiesen, deren Verhalten aber noch offen ist. Einerseits gibt es erste Stimmen aus der Bundestagsfraktion, die eine Klage fordern, andererseits hat der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck diese schon abgelehnt. Wie wird sich die SPD nun entscheiden? Setzt sich Beck durch, so dass alles beim Alten bleibt und der Wähler weiß weiterhin nicht, wozu die SPD noch gebraucht wird oder kann die SPD-Fraktion im Bundestag über ihren Schatten springen und endlich in der Opposition ankommen?

Insgesamt haben wir hier einen weiteren Tiefpunkt der Medien in Deutschland erreicht. Die Politik hat ja nicht nur die öffentlich-rechtlichen Sender gezähmt, auch die selbsternannte Qualitätspresse ist längst handzahm geworden. Als Beispiel hier ein Zitat aus einem Online-Artikel der Süddeutschen:

Deshalb haben Christdemokraten auch überhaupt kein schlechtes Gewissen, wenn sie jetzt im ZDF Brender durch Frey ersetzen, der im Hauptstadtstudio wiederum von Bettina Schausten abgelöst werden soll. Jahrelang haben in der Tendenz CDU und CSU Wahlen gewonnen, nicht jedoch die SPD – das müsse sich doch im ZDF ausdrücken, sagt ein Spitzenpolitiker.

Ich wiederhole nochmal, ….sagt ein Spitzenpolitiker. Aber warum werden hier keine Namen genannt? Warum dürfen die Leser der Süddeutschen nicht erfahren, welcher Politiker hier das Grundgesetz mit Füßen tritt?